VON DER COUCH ZUM COACH

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Wie Schmerzen zum Kompass meines Lebens wurden

Wir stehen an einem Sonntag morgen in meiner Laufschule. Heute ist wieder Natural Running Workshop. Ein kleines Detail ist allerdings anders als bei anderen Jogging-Seminaren: alle Teilnehmer stehen barfuß vor mir. Die Schule taufte ich damals Barefoot Academy und genau das ist es, was ich meinen Teilnehmern und Klienten vermittle – das Barfußlaufen. Ich weiß, was sie denken: „Das klingt nicht wirklich nach einem aussichtsreichen Geschäftsmodel.“ Zum Barfuss laufen muss man ja lediglich Schuhwerk und Socken ausziehen. Wozu soll man denn bitte einen Workshop oder ein Coaching buchen? Da kann man auch Luft verpacken und den Leuten verkaufen….“ Im Prinzip haben Sie vollkommen recht. Mit dieser Reaktion rechnend, habe ich damals auch nicht mal den Versuch unternommen mit einem Businessplan bei Banken vorstellig zu werden. Noch heute, wenn mich jemand auf einer Party nach meinem Beruf fragt, habe ich Schwierigkeiten zu erklären, was ich da eigentlich so genau mache. Und glauben sie mir, für meinen Elevator-Pitch (eine maximal 30 Sekunden lange, gestochen scharfe Erklärung des Geschäftsmodels) liegen gefühlte 50 Varianten auf meiner Festplatte, aber keine erfasst es wirklich genau.

Da es nun keine Ausbildung zum Barfuß-Trainer gibt, habe ich diesen Beruf quasi erfunden. Das führt bei Nennung meiner Berufsbezeichnung immer zu fragenden Gesichtern. Meist scherze ich direkt und sage: „Ich bin Barfuß-Trainer, noch Fragen dazu oder ist das klar?“ Warum ich damals auf diese Idee kam? Dahinter steckt meine eigene jahrelange Leidensgeschichte als leidenschaftlicher Läufer.

Es ist die Geschichte, die ich, wie heute, wieder mal vor meinen Workshop-Teilnehmern versuche in 5 Minuten zusammen zu fassen. Es gelingt wieder nicht. Meist fängt sie an mit „Ich war die totale Coachpotato und habe Sport immer gehasst“, führt über meine schmerzvollen Jogginganfänge, zu laufverrückten mexikanischen Ureinwohnern, gerissener Wadenmuskeln, hin zur Erkenntnis, dass Barfußlaufen eben wesentlich mehr ist, als sich nur die Schuhe auszuziehen.

Den spannendsten Teil der Geschichte erzähle ich allerdings meist nicht:

„Es ist die 10. Etappe meiner Pilgerreise auf dem Jakobsweg. Den gesamten morgen spüre ich schon, dass meine rechte Wade heute wieder besonders fest ist. Beim Aufstieg zu einem verlassenen Bergdorf passiert es: der Wadenmuskel reißt. Ich fluche und schleppe mich eine Stunde lang zu einer abgelegenen Hippie-Herberge hinauf, kläre ab, dass ich wohl etwas länger als nur ein Nacht bleiben werde und schmeiße mich Tränen überströmt auf meine Pritsche. Man sagt, der Camino (Jakobsweg) gibt jedem was er braucht. Warum ich jetzt aber eine gerissene Wade im Niemandsland brauche, das erschließt sich mir so gar kein bisschen. Heute – fünf Jahre später – ist klar: das war der Startpunkt für ein neues Leben…“

In diesem persönlichen Vortrag geht es über meinen ganz eigenen Weg und wie Schmerzen und Verletzungen mir in meiner größten Lebenskrise das Laufen als Selbsttherapie unmöglich machten.

Gerne erzähle ich in 90 Minuten, wie ich lernte meine Schmerzen zum Kompass für mein Leben zu machen und wie sie mir halfen mein wirkliches Ich zu finden.